Sekundärgewinn

Selbstverständlich wissen Sie, dass Sie mit dem Rauchen ein gesundheitliches Risiko eingehen. Und Sie sind nicht dumm. Trotzdem Rauchen Sie. Und irgendwie sind Sie sich sicher, dass Sie etwas vom Rauchen haben - nur was genau? Hier stehts:

Anker: [Hunde, Klingeln und Partielöwen]

Was sind Anker? Sicher haben Sie schon vom Pawlowschen Konditionierungsversuch gehört:

Man läute jedesmal, kurz bevor man einen Hund füttert, eine Glocke. Nach einiger Zeit hört man mit dem Füttern auf und klingelt nur noch. Das arme Vieh wird fortan bei jedem Klingeln einen unsagbaren Schmachter auf sein Fresschen haben... Der Witz der Sache ist, das Gleiche funktioniert auch bei Babies - ja, Sie ahnen es schon, nicht nur bei Babies, sondern auch bei Ihnen! Nun wissen Sie auch, was ein Anker ist: Der Anker ist die Klingel.

Denken Sie an die Zigarette danach - wer kennt sie nicht. Unzählige Male auf Zelluloid gebannt, immer das gleiche Bild: Erst guter Sex, dann eine gute Zigarette. Warum immer wieder diese Szene - Rauchen nach dem Sex?

Weil es sich um die Pflege eines sehr starken Positiv-Ankers handelt! (Wobei - bei den Filmen hat sich natürlich in den letzten Jahren einiges getan. Die Amerikaner zeigen rauchende Menschen ohnehin nur noch als stilistisches Mittel: nämlich dann, wenn es sich um die Darstellung des Abschaums der Menschheit oder des Bösen in Persona handeln soll. [Akte X] )

Doch zurück zu unserem Anker. Wird die Kopplung zweier, voneinander absolut unabhängigen Dinge (z. B. Fressen und Klingel) unter ganz bestimmten Bedingungen gesetzt, ist es fast unmöglich sich dagegen zu wehren. Diese Tatsache wird sehr effektiv in der modernen Psychologie eingesetzt, so genannte Positiv- oder Ressourcen-Anker können dann aus einem schüchternen Eckensteher ohne Weiteres einen Partylöwen machen. Schlau, wie Raucher nun einmal sind, schaffen sie sich ihre guten Anker selbst - ganz ohne psychologische Nachhilfe.

Fast jeder Mensch fühlt sich wohl:

  • Nach einem guten Essen
  • Nach sexueller Befriedigung
  • Nach einer guten Nacht, morgens beim guten Frühstück
  • Während eines Sonnenunterganges am Meer
  • Im heiteren Gespräch mit Freunden
  • Wenn eine schwierige Aufgabe gelöst wurde
  • Wenn eine harte Arbeit abgeschlossen ist

Die Liste ließe sich fortsetzten, entscheidend ist nun aber das Folgende: Wenn das Wohlgefühl in so einer Situation am größten ist und nun auf diesem Gipfel eine Zigarette angezündet wird, findet eine Konditionierung statt. Bei Wiederholung wird das schöne Ereignis einerseits und die Zigarette andererseits in unserem Unterbewusstsein zu einem einzigen Erleben verschmolzen!
Diese Tatsache ist sehr wichtig zu verstehen, denn nun erst kommt der zweite Schritt der Konditionierung: Wenn nun einfach so - auch ohne ein schönes Erlebnis - eine Zigarette angezündet wird, erleben wir die gleiche innere Repräsentation des Gefühles, wie in der tatsächlichen, schönen Situation! Die Zigarette selbst ist dann in der Lage, uns die gleiche Intensität des Wohlgefühls zu vermitteln, wie zuvor das reale schöne Erlebnis.

Das ist auch der Grund, warum eine Zigarette eine so mächtig beruhigende Wirkung hat - die pharmakologische Wirkung allein vermag dies nicht zu erklären. (Im Gegenteil, im Grunde ist die Wirkung sogar gegenläufig.)
Doch nun wird kein Mensch behaupten, ein Raucher rauche nur dann, wenn es Ihm gut geht - nein! Erinnern Sie sich noch an die alte HB-Werbung? "Wer wird denn gleich in die Luft gehen?" war der Slogan. Ein Strichmännchen wurde von unglaublichem Pech verfolgt, schließlich lief es vor Wut dunkelrot an, bis es endlich Alles fallen ließ, um sich die erlösende Zigarette anzuzünden. Kaum ein Spot liegt so nah an der Wirklichkeit, wie dieser. Tatsächlich ist bei einem echten Raucher jeder (ob nun positiv oder negativ erlebte) emotionale Impuls über einem gewissen Schwellenwert ein Grund für das Anzünden einer Zigarette. Das ist nun leicht zu verstehen:

Wenn es dem Raucher gut geht, pflegt er seinen Anker - er koppelt unbewusst das Rauchen an das schöne Erlebnis. (Er lädt den Anker auf)

Wenn es dem Raucher schlecht geht (Ärger, Frust, Streit), benutzt er seinen Anker als Ressource - und sogleich geht es ihm sichtbar besser.

In vielen Situationen ist ein Raucher mit diesem machtvollen Anker einem Nichtraucher sogar überlegen. Leider wird mit zunehmender Routine die Wirkung des Ankers inflationär, oder anders gesagt: Der emotionale Schwellenwert, der einen Rauchimpuls auslöst, sinkt mit den Jahren. Schließlich löst fast jede Emotion einen Rauchimpuls aus. Der Raucher kann so nach Jahren zu einem Kettenraucher werden. Diese Vorgänge sind Tatsachen und unbestritten. Vielleicht ist die Anker-Anbindung auch das größte Problem beim Versuch, mit dem Rauchen aufzuhören. Denn der Verlust, eines über Jahre geladenen Positiv-Ankers, ist ohne sachkundige Hilfe und einen entsprechendem Ersatz unerträglich. Doch seit man um die Macht der Anker weiß, kann man diese natürlich auch als Hilfe beim Aufhören einsetzten.

Die Markenwelten: [Richtige Pferde, falsche Kamele und Brotpistolen ]

Die Frage ist: Werden wir von der Werbung verarscht? Ich glaube nein. Ich glaube, es ist überhaupt unmöglich, jemanden zu verarschen. Wo kein reales Bedürfnis wäre, könnte man auch Keines "wecken". Man muss kleine Jungen nicht verführen, mit Pistolen zu spielen. Selbst wenn man sie von ihnen fernhalten will, beißen sie sich zur Not früher oder später die Form ihrer Knarre aus dem Butterbrot heraus. So wichtig ist ihnen die Umsetzung ihrer männlichen Mars-Energie. Interessant ist: Für unsere innere Realität ist es unerheblich, ob es sich bei der Bedürfnisbefriedigung um eine reale Befriedigung in der äußeren Welt handelt, oder um eine symbolische in einer Scheinwelt - der Gefühlsgewinn ist identisch.

Nun ist Fakt, dass der Mensch ständig nach Orientierung sucht. Er sucht nach "modellierbaren Vorbildern", wie die Psychologie weiß. Selbstverständlich denkt hier jedermann sogleich an reale Personen, Helden etwa, denen man nacheifern könnte. Dies ist auch oft so. Denken sie an den Starkult oder das große Interesse an prominenten Menschen. Allgemein weniger bekannt ist, dass dieselben Mechanismen der Orientierung an einer Persönlichkeit, auch für jedes Produkt gelten. Wird eine "Marken-Persönlichkeit" von der Werbung klug und scharf genug umrissen, entsteht ein Geistwesen - ein metaphysischer Golem sozusagen. Zwar wird dieses Kunstwesen zunächst von findigen Strategen und Kreativen aus der Taufe gehoben, doch dann führt "Es" fortan ein Eigenleben - ebenso wie eine reale Person. Das liegt an der Ladung, die dem Golem von seinen Anhängern zurück reflektiert wird. Manchmal sind selbst die Macher baff, was da aus ihrem "Wesen" so werden kann (hineingedeutet wird). Das Ganze funktioniert so:

Wenn ich ein Produkt mit einer starken Markenpersönlichkeit benutze, gehen tiefenpsychologisch die Eigenschaften dieser Persönlichkeit auf mich über.

Das ist kein Betrug. Ich habe dann tatsächlich mehr Kraft, bin tatsächlich freier und habe tatsächlich mehr Selbstvertrauen. Die Werbung verspricht mir nichts, was nicht auch wahrhaftig funktioniert.

Sie wollen das nicht wahr haben? Das ist lächerlich? Bei Ihnen nicht? - Machen Sie sich nichts vor. Auch Sie fahren nicht "zufällig" einen Saab, oder rauchen "zufällig" Lucky Strike und tragen "zufällig" einen Boss-Anzug. Unbestreitbar profitieren Sie sehr real von diesen starken Persönlichkeiten, sie alle sind ein Teil von Ihnen geworden, den Sie sehr schätzen. Im übrigen ist an dieser Wahrheit nichts Peinliches oder Schlimmes - im Gegenteil. Markenpersönlichkeiten zu benutzen, ist eine in unserer Gesellschaft ungeheuer wichtige Möglichkeit zur Orientierung. Die Signale, die durch die Verwendung einer bestimmten Marke gesetzt werden, sind für andere interpretierbar und bei Übereinstimmung hervorragend zum Pace [siehe Rauchen und Kommunikation, weiter unten] geeignet.

Oder finden Sie nicht auch, dass Saab-Fahrer und Lucky-Raucher irgendwie netter und sympathischer sind?

Um konkret auf die Zigarettenwerbung zurückzukommen: Die Felder, die hier am stärksten besetzt werden, sind Kommunikation und Freiheit. Das dürfte Sie nun auch nicht mehr wundern. Die Werbung sucht sich die am besten funktionierenden Bereiche nicht willkürlich aus, es handelt sich bei ihnen nun einmal um die herausragendsten Eigenschaften des Rauchens. (Rauch dehnt sich unbegrenzt aus und ist daher sehr frei und kommunikativ...) Dabei haben beispielsweise die Marken West und Stywesand Toleranz und Kommunikation besetzt (Test it, Come Together). Marken wie Prince oder Marlboro die Freiheit (Der Naturbursche in den Fjorden oder der Cowboy am Lagerfeuer).

Die Eigenschaften einer starken Marke gehen auf die Psyche des Rauchers über. Ich meine das ohne jede Ironie oder Häme - im Gegenteil, dieses ist für den Raucher ein real empfundener Gewinn.

Rituale: [Indianer, Araber und ein Joint ]

Was ist so schön dran, am selben Rauchgerät zu "ziehen"? Warum teilen Raucher so bereitwillig ihre letzte Zigarette? Warum finden selbst Fremde es unter besonderen Umständen nicht sonderlich unhygienisch, an der Zigarette eines anderen zu ziehen?

Sicher erinnern Sie sich: Bei den Indianern (und was Indianer betrifft, sind wir ja alle Fachmänner...) musste immer, wenn es Frieden geben sollte, eine Friedenspfeife geraucht werden - die Betonung liegt auf EINE Friedenspfeife. Warum bekam denn nicht jeder Teilnehmer der Konferenz seine eigene Pfeife? War das den Indianern zu teuer? Wenn uns bei den Indianerfilmen irgend etwas im Gedächtnis geblieben ist, dann sind dies interessanter Weise zwei Dinge: Friedenspfeife und Blutsbrüderschaft! Ist doch merkwürdig, irgendwie muss uns das am meisten beeindruckt haben. Doch im Grunde ging es bei beiden Ritualen um ein- und dasselbe:

Um die tiefenpsychologische Demonstration und Versicherung der Tatsache, dass wir alle EINS sind, untrennbar. Was ich Dir antue, das tue ich mir selbst an. Ich trage dein Blut, ich atme deine Luft, deinen Geist [Rauch].

Ein großer Teil dieses Rituals findet sich beim Weiterreichen eines Joints oder beim Rauchen an großen Gemeinschaftswasserpfeifen (in östlichen Ländern gebräuchliche Großpfeife, derselbe Rauch - viele Zugänge) wieder. Sollten sie so eine Rauchzeremonie einmal beobachtet haben, wird Ihnen aufgefallen sein, dass solche Zusammentreffen grundsätzlich einen Mangel an Aggressivität aufweisen.

Religio und Spirit: [Räucherstäbchen und Messdiener]

Rauch und Feuer sind bei fast jeder spirituellen Handlung die am häufigsten gebrauchten Elemente, und das bei jeder Religion rund um den Globus. (Warum eigentlich? Ist doch schädlich das ganze Zeug.)

Ob es sich um den Rauch im Schamanenkult, die Räucherstäbchen im buddhistischen Tempel, das Räucherwerk der Esoterik, den Weihrauch der Katholiken oder den heiligen Rauch im chinesischen Universismus handelt.

In diversen spirituellen Handlungen wird jedoch nicht nur eine Unmenge von Rauch verbreitet, sondern der kultisch handelnde Mensch raucht während der Zeremonie selbst! Hierfür gibt es eine Unzahl an Deutungen - die einzelnen Auslegungen würden hier den Rahmen sprengen. Festzuhalten jedoch ist:

Kaum eine andere spirituelle Handlung ist mit der Macht des Rauchens vergleichbar - allenfalls sind dies noch das Essen oder Trinken symbolisch-heiliger Substanzen.

Zwei wichtige Erklärungsansätze sind:

1. Mit dem Rauch wird der Atem sichtbar! Der Atem ist das am stärksten besetzte Zeichen des Lebens! (Genesis 2, Vers 7)

2. Mit dem Einatmen von Rauch wird nicht nur eine neutrale Lebensenergie (Qi ) in Form normaler Luft, sondern Qi mit einer ganz bestimmten energetischen Ladung eingenommen. Die inkorporierte Energie wird nach gewünschter Richtung steuer- und wählbar - je nach gerauchter Substanz. Dieses ist für den kultisch handelnden Menschen von unschätzbarem Wert.

Archetypen: [Viel Rauch und ein wenig Feuer]

Wir haben Mikrowellen, Zentralheizungen und Induktionsherde - wo bleibt das Feuer und der Rauch? Brauchen wir Gott sei Dank nicht mehr? Nicht ungefährlich, so zu denken...

Ohne das Feuer hätten wir uns niemals zu dem, was wir heute sind, entwickeln können. Feuer und die Beherrschung desselben war und ist die wichtigste Sache in unserem Leben! Wenn die moderne Welt zu steril wird, holen wir uns die Archetypen auf andere Weise wieder. Denken Sie an die unglaubliche Renaissance oder ungebrochene Attraktivität von:

Kerzen, Kaminöfen, Grillgeräten, Osterfeuern, Feuerwerken etc.

Feuer und Rauch waren buchstäblich die zentralsten Themen in unserem Leben. Sie sind wohl die stärksten Archetypen überhaupt. Feuer und Rauch sind auch die mit am häufigsten verwendeten Wörter in der Bibel.

Alles was mit Feuer und Rauch zu tun hat, hat für unseren Geist einen stark sammelnden Charakter. Jeder kennt die hypnotische Wirkung einer Kerze, eines Fondues oder noch besser: eines Lagerfeuers. Man starrt in die Flamme und wird automatisch geordnet.

Jeder Raucher nutzt diese zentrierende Kraft, wenn er sich eine Zigarette anzündet. Ihm steht sozusagen sein Feuer jederzeit zur Verfügung.

Rauchen und Kommunikation: [Ich mag Dich auch]

Haben Sie je zwei (oder mehrere) Raucher beobachtet, die sich in einem angeregten und tiefen Gespräch befinden? Haben Sie den wunderbaren Gleichklang - den "Tanz" gesehen?

Mit "Tanz" oder "Pace" meint die moderne Psychologie eine sich in Mimik, Gestik und Sprache spiegelnde Übereinstimmung von Menschen. Dieser Tanz ist Gegenstand aktueller Untersuchungen in der Psychologie und Verhaltensforschung. Wenn sich Menschen mögen, pacen sie sich - wenn nicht, gibt es etliche (unbewusste) gegenteilige Signale von Ablehnung. (Die Arme vor der Brust zu kreuzen, ist wohl das Bekannteste Signal der Abwehr.)

Das miteinander "eine Rauchen" ist bereits eines der stärksten Pacing-Signale überhaupt. (Dementsprechend gut verstehen sich Raucher untereinander, dementsprechend schwierig ist die Kommunikation zwischen Raucher und Nichtraucher.)

Da Rauchen zu allen Zeiten und in allen Kulturen etwas mit Kommunikation zu tun hat (siehe Archetypen und Rituale), ist es ein starkes, positives Feld. So ist es für einen Raucher, der gerade aufhört zu rauchen, auch fast unerträglich, sich in das Spannungsfeld 'Kommunikation unter Rauchern' zu begeben, oder alte rauchende Freunde zu treffen. Hier passieren viele Rückfälle, da der unbewusste Wunsch nach dieser ehemals hervorragenden Verständigung zu stark ist.

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